Kulturelles Beiprogramm zur Holocaust-AusstellungFebruar-April 2002
des Deutschen Historischen MuseumsBerlin
Auftraggeber/Partner:Deutsches Historisches Museum, Akademie der Künste,
Bundeszentrale für politische Bildung/bpb
Aufgabenbereich:Konzeption, Organisation und Durchführung
mit Dr. Stefan Krankenhagen


Titelbild des ProgrammheftsZum 60. Jahrestag der Wannseekonferenz am 20. Januar 2002 hat das Deutsche Historische Museum in Berlin (DHM) die Ausstellung "Holocaust – der nationalsozialistische Völkermord und die Motive seiner Erinnerung" eröffnet. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veranstaltet zu dieser Ausstellung und in Kooperation mit dem DHM und der Akademie der Künste ein kulturelles Begleitprogramm, in dessen Mittelpunkt die gegenwärtigen Formen und Motive der kulturellen, künstlerischen und politischen Erinnerung an den Holocaust stehen. Besonders angesprochen sind die Generationen der Nachgeborenen, deren Interesse an einer Auseinandersetzung mit dem Holocaust bezeichnenderweise nicht schwindet, sondern wächst.

Kulturelles Begleitprogramm

Akademie der Künste
Hanseatenweg 10, 10557 Berlin


Holocaust ChannelDi 5. Februar, 20:00 Uhr

Die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust hat sich in den neunziger Jahren zu einem beliebten Stoff der Fernsehdokumentation entwickelt. Historische Sendereihen erhalten – vor allem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – begehrte Programmplätze in Prime Time-Nähe und erzielen überdurchschnittliche Einschaltquoten. Sie brechen mit klassischen Formen der Fernsehdokumentation und integrieren Strategien der Melodramatisierung, Fiktionalisierung und Personalisierung. Die Live-Kommentierung wird diesen Phänomenen nachgehen und selber – durch die Gleichzeitigkeit von Filmvorführung und Kommentar – eine ungewohnte Sicht ermöglichen.

Judith Keilbach, Filmwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin, kommentiert live die dritte Folge der Holokaust-Dokumentarserie des ZDF, "Ghetto. Im Wartesaal des Todes ...". Anschließend Gespräch mit Maurice Philip Remy, Autor, Regisseur und Produzent.

Holocaust IndustrieDi 19. Februar, 20:00 Uhr

Nicht erst seit Norman G. Finkelsteins Polemik gegen die von ihm so genannte "Holocaust Industrie" gibt es die provokativ-zynische Vermutung, "that there is no business like Shoah business'" (Yaffa Eliach). In den letzten Jahren ist der Holocaust nicht nur vermehrt zum Gegenstand von Forschung, Feuilleton und Politik geworden, sondern ebenso zum Sujet von Öffentlichkeitsarbeit und Werbung. Diese Profanisierung ist durchaus problematisch, sie ist aber möglicherweise auch Ausdruck eines veränderten Bedürfnisses im Umgang mit dem Völkermord, das nicht per se verurteilt, sondern sachlich betrachtet werden sollte. Nicht Finkelsteins Thesen stehen daher im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion, sondern der Bedeutungswandel des Holocaust im Bewusstsein unserer heutigen Gesellschaft.

Eine Podiumsdiskussion mit Jens Imig (Mitbegründer des Gestaltungsbüros gewerk. Gestalterische Betreuung u.a. von Gedenkstätten, Dauer- und Wechselausstellungen) Thomas Lackmann (Journalist des Berliner Tagesspiegel und Autor des Buches Jewrassic Park. Wie baut man (k)ein jüdisches Museum in Berlin), Stefan Mannes (Historiker, Werbemanager der Agentur Kakoii, u.a. Entwicklung der Plakataktion für die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und des Internetauftritts für das Jüdische Museum Berlin) und Dr. Bernd Stegemann (Chefdramaturg am Frankfurter TAT, zusammen mit Nicolas Stemann verantwortlich für die Inszenierung von Zombie '45 — am Bass Adolf Hitler). Moderation: Dr. Gabriele Camphausen (Historikerin).

AuthentizitätDi 5. März, 20:00 Uhr

Mit Blick auf die unterschiedlichen literarischen Auseinandersetzungen vermittelt sich besonders anschaulich eine Vorstellung von der Vielstimmigkeit, die das Reden über den nationalsozialistischen Völkermord kennzeichnet. Die Frage des amerikanischen Schriftstellers Philip Lopate – "Who will be allowed to speak?" – steht dabei im Mittelpunkt der Auseinandersetzung um Zulässigkeit und Verbürgtheit einzelner Werke. Der Status des Textes als einem möglicherweise authentischen Dokument spielt in der Beurteilung eine herausgehobene Rolle.
Mit Blick auf die Stimmen der Opfer möchte die Veranstaltung diese Vielstimmigkeit in Szene setzen und eine Lesung präsentieren, die dokumentarische und fiktionale, private und veröffentlichte, lyrische und epische Texte arrangiert. Die Lesung könnte unter anderem zurückgreifen auf Texte von Dawid Grosman, Binjamin Wilkomirski, Maxim Biller, Ruth Klüger, Norman G. Finkelstein, Art Spiegelman und Daniel Jonah Goldhagen.

Eine inszenierte Lesung veranschaulicht die Problematik des heutigen Redens über den Holocaust anhand der Frage nach einer authentischen Darstellung. Mit SchauspielerInnen der Schaubühne am Lehniner Platz. Eingerichtet von Wulf Twiehaus.

InstrumentalisierungDi 26. März, 20:00 Uhr

"Nie mehr Krieg" gegen "Nie mehr Auschwitz". Zu Beginn des deutschen Einsatzes im Kosovo prallten scheinbar identische Symbole der sechziger und siebziger Jahre unvermittelt aufeinander. Auschwitz wurde, gerade in der Bejahung militärischer Mittel, zu einem Gründungsmythos der Berliner Republik, die nun die "Lehren" aus dem deutschen Vernichtungskrieg zog. Das Wissen um den Holocaust wurde damit – was die Legitimation des Einsatzes vor der Öffentlichkeit betrifft – wirkungsvoll metaphorisiert und aktualisiert.

Prof. Dr. Natan Sznaider, Tel Aviv, im Gespräch mit Dr. Otto Graf Lambsdorff, BMin. a. D. (angefragt)

DarstellungDi 9. April, 20:00 Uhr

Kinder der Bestie. Eine Bühneadaption nach David Grossmans Roman Stichwort: Liebe vom Teatron Theater Arnsberg/Jerusalem und dem figuren theater tübingen.

Wie verarbeitet die zweite Generation nach dem Holocaust all das, was geschehen ist, berichtet und dokumentiert wurde? Was bedeutet für sie Erinnerung? Diesen Fragen geht Kinder der Bestie mit Hilfe des neunjährigen Momik nach, der mit kriminalistischem Spürsinn versucht, die Sprachlosigkeit seines Großvaters zu entschlüsseln.

Ein Schauspieler in mehreren Rollen, einige Puppen, wenige Requisiten – mit den Mitteln des Theaters erkunden Yehuda Almagor und Frank Soehnle die Angst vor der Erinnerung und die Kunst des Erzählens.

Ort: Schaubude Berlin, Greifswalder Str. 81-84, 10405 Berlin



Zwei Leitgedanken der Konzeption

Die Konzeption des Begleitprogramms orientiert sich an zwei Leitgedanken, die das spezifische Interesse der Veranstaltungsreihe anzuzeigen vermögen.

1. Leitgedanke: "Gegenwärtigkeit der Erinnerungsformen und -Motive"

Im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe sollen die gegenwärtigen Formen und Motive der – in unserem Kontext nun kulturellen und künstlerischen – Erinnerung an den Holocaust stehen.

"Gegenwärtigkeit" meint dabei kein absolutes Datum, sondern ein relatives Phänomen: die vornehmliche Berücksichtigung derjenigen Erinnerungsprozesse, die in den vergangenen beiden Jahrzehnten in unterschiedlichen Bereichen entstanden und die für die ersten Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs so nicht denkbar waren. Dominierten in den Diskursen der Nachkriegsjahrzehnte Ausschluss- und Verbotsregeln, die populäre Darstellungsformen verbannt und Praktiken der ästhetischen Moderne favorisiert haben, so schwindet seit geraumer Zeit die Verbindlichkeit dieses Regelwerks. Zu beobachten sind beispielsweise ein Rückgriff auf melodramatische Erzählformen im Fernsehen und Kino seit Ende der siebziger Jahre, der Versuch einer Relativierung des Holocaust im Historikerstreit oder die Aktivierung anekdotischen Erzählens in der zeitgenössischen Literatur.

Während der Holocaust ein privilegierter Gegenstand kultureller Verständigungs- und künstlerischer Reflexionsprozesse geblieben ist, haben sich massenwirksame Darstellungsformen und -strategien entwickelt.

Die Veranstaltungsreihe der Bundeszentrale für politische Bildung möchte sich auf diese gegenwärtigen, veränderten Formen der Erinnerungsarbeit konzentrieren.

2. Leitgedanke: "Adressierung der Nachgeborenen"

Adressatenkreis des Begleitprogramms sind vornehmlich die Generationen der Nachgeborenen, deren Interesse an einer Auseinandersetzung mit dem Holocaust bezeichnenderweise nicht schwindet sondern wächst.

In den öffentlichen Debatten, die aus unterschiedlichen Anlässen immer wieder um die Frage einer angemessenen Erinnerungsarbeit kreisen, spielen die jüngeren Generationen eine immer wichtigere Rolle. Im Laufe der Jahrzehnte ist ihr Interesse an einer Erinnerung des Holocaust nicht verschwunden. Vielmehr nehmen die Vorstellungen, Bedürfnisse und Wünsche der Nachgeborenen einen deutlichen Einfluß auf die kulturellen und künstlerischen Formen der Erinnerung.

Das Hauptinteresse der Veranstaltungsreihe besteht darin, im Rahmen einer Präsentation und Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Erinnerungsformen die Bedürfnisse junger Menschen anzusprechen und diese in Prozesse der Selbstbefragung und Reflexion zu verwickeln.

Das Begleitprogramm

Ausgehend von den beiden Leitgedanken “Gegenwärtigkeit der Erinnerungsformen" und “Adressierung der Nachgeborenen" zielt die Veranstaltungsreihe darauf ab, eine große Spannbreite unterschiedlicher Themen und medialer Formen zu berücksichtigen.

Jeder Veranstaltungsblock widmet sich ausgewählten kulturellen und künstlerischen Erscheinungen, in denen die Erinnerung an den Holocaust eine zentrale Rolle gespielt hat bzw. immer noch spielt. Tendenziell lassen sich zwei Veranstaltungstypen unterscheiden. Während einige Veranstaltungen auch reflexive Züge tragen, indem sie versuchen, aktuelle Phänomene zu kommentieren, stellen andere Veranstaltungen die künstlerischen Arbeiten selbst in den Mittelpunkt. Idealiter präsentiert die gesamte Veranstaltungsreihe ein erkenntnis- und sinnenreiches Spannungsfeld zwischen Anschauung und Reflexion.

Die einzelnen Veranstaltungstitel greifen hervorstechende Begriffe aktueller Diskussionen auf. Sie geben den Fokus der jeweiligen Veranstaltung wieder, greifen zugleich aber auch die neuen Schlagworte der Erinnerungs- und Darstellbarkeitsdiskurse auf, um deren Be- und Hinterfragung das Begleitprogramm kreist.





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